Sex
Geändert am: 02. Oktober 2014

Sexsucht: Wenn Sex das Leben beherrscht – und zerstört

Written by  menscore, Published in Sex
Fachliche Beratung: Ärztliche Redaktion
 
Röntgenbild des Gehirns mit der Aufschrift Sex © Jeffrey Collingwood - Fotolia.com

Ist Sexsucht eine echte Sucht oder ist man schon sexsüchtig, weil man mehr Sex hat als andere? Geht es bei der Sexsucht nur um Sex? Und was kann man dagegen tun, wenn man sexsüchtig ist?

Was ist Sexsucht überhaupt?

Etwas fachsprachlicher wird Sexsucht von einigen Therapeuten auch „Hypersexualität“ genannt, wobei darunter erst einmal nur ein gesteigertes sexuelles Verlangen verstanden wird. Dennoch sind nicht alle Sexualwissenschaftler mit dem Begriff „Hypersexualität“ einverstanden, da er impliziert, dass die Häufigkeit der sexuellen Handlungen das Krankheitsbild bestimmt. Dem sei aber nicht so. „Ein Mann ist nicht sexsüchtig, nur weil er mehr Sex möchte als seine Partnerin. Dies ist deswegen erwähnenswert, weil es häufig behauptet wird“, so Dr. Georg Pfau, Männerarzt und Sexualmediziner aus Linz. „Durchschnittlich ist die sexuelle Energie von Männern einfach größer als die von Frauen“, so der Experte aus Österreich. 

Tatsächlich steckt die Forschung zu dieser Erkrankung noch in den Kinderschuhen: Es gibt bislang noch nicht einmal verlässliche Schätzungen zur Häufigkeit der Sexsucht, geschweige denn abschließende Erkenntnisse zu ihren Ursachen. Zwar lassen einige Studien die Vermutung zu, dass Männer häufiger betroffen sind als Frauen, aber insgesamt stellt der Bereich der Hypersexualität im Verhältnis zur Erforschungstiefe anderer Krankheiten relatives Neuland für die sonst sehr fortgeschrittene heutige Medizin dar.

Selbst in der Frage, wann man eigentlich sexsüchtig sei, sind sich Fachleute nicht einig. „Sexsüchtig ist man dann, wenn die Sexualität - auch in Gedanken und Phantasien - derart breiten Raum einnimmt, dass andere wichtige Bereiche des Lebens auf der Strecke bleiben oder auch nur beeinträchtigt werden“, berichtet Pfau.

Andere Experten formulieren Kriterien wie eine Mindestanzahl von Orgasmen pro Woche für mindestens sechs Monate in Folge bei täglich ein bis zweistündiger Beschäftigung mit sexuellen Aktivitäten, andere stellen mehr auf die „Besessenheit“ und „Machtlosigkeit“ der Betroffenen dem quälenden Impuls gegenüber ab, andere wiederum mehr auf den individuellen Leidensdruck der betroffenen Personen.


Ein wichtiges Symptom: Leidensdruck

Dass auch nur vermeintliche Sexsucht Leidensdruck produziert, vereinfacht die Aufgabe von Ärzten und Sexualtherapeuten auch nicht gerade. „Viele Männer kommen im Glauben in die Praxis "sexsüchtig" zu sein, was sich bei näherer Exploration aber als nicht richtig herausstellt“, so Dr. Pfau.

Aber Betroffene und Therapeuten wissen, was sich hinter dem Phänomen, verbirgt - egal, was für einen Namen man ihm gibt: Sexsucht ist ein ernstes Problem für die Betroffenen, die trotz großen Leidensdrucks sehenden Auges weiter ein sexuelles Verhalten an den Tag legen, das sie und manchmal auch ihre Familien zerstört. Als Beispiel nennt Psychologe Dr. Rory Reid vom Semel Institut für Neurowissenschaft und Menschliches Verhalten an der UCLA in Los Angeles Fälle von Männern, die ihr halbes Einkommen für die Dienste von Prostituierte ausgeben, und solchen, die statt zu arbeiten, im Büro Pornoseiten besuchen – und das trotz mehrfacher Ermahnung und der deshalb drohenden Kündigung. „Wer tut so etwas? Doch nur jemand, der ein Problem hat“, sagt Reid.

Ein Problem, das auch die sozialen Beziehungen der Betroffenen sowie das, was sie beruflich erreicht haben und noch erreichen könnten, in kurzer Zeit zunichtemachen kann. Und das ist noch nicht alles: ihnen drohen außerdem noch die Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten, manchmal sogar mit dem Aids-Virus (HI-Virus).

Trotz all dieser Gefahren, die ihnen meist sogar bewusst sind, können betroffene Männer den Drang, den Impuls, der quälend stark wird, wenn ihm nicht nachgegeben wird, nicht unterdrücken. „Dieser Drang ist stärker als sie“, sagt auch Sexualmediziner Dr. Pfau. „Sie sind unfähig, damit aufzuhören. Ihr Gehirn ist quasi fixiert auf Sex. Das führt oft zu Einsamkeit und Isolation – so groß ist ihre Scham und ihr Schmerz“.


Nicht nur Sex

Dass es den Betroffenen nur um Sex ginge, sei eine Fehlannahme, so Psychologe Reid. „Es geht nicht mehr um Sex, als es bei Essstörungen um Nahrungsmittel geht oder bei der Spielsucht um Geld.“

Sexsüchtige sind also nicht Personen, die einfach nicht genug von Sex bekommen können, sondern es sind Menschen, die mit der Gier nach Sex unbewusst andere, tiefergehende Probleme überlagern. Meist sind es Stress, Ängste, Depressionen oder Scham- und Schuldgefühle, die die Betroffenen zu einem riskanten sexuellen Verhalten führen.

 

Die Behandlung

Gerade weil die Erkrankung von vielen noch nicht als Krankheit im engeren Sinne wahrgenommen wird, ist es für Betroffene nochmal schwieriger, Hilfe zu bekommen. Kaum einer geht zum Arzt oder zum Psychologen und schildert sein Leid. Es sind eher die Krisen, die die Betroffenen nach Hilfe suchen lassen. Entweder sie werden von der Partnerin „dabei erwischt“, aus dem Job gefeuert oder sie gehen pleite, weil sie all ihr Geld für Huren, Telefonsex und Pornos ausgegeben haben. Für manch einen dürfte eine derartige Krise wie ein Befreiungsschlag sein, weil damit erstens die ständige Angst vor der Entdeckung nachlässt, die die Symptome einer jeden Sucht verstärken kann, und zweitens genug Druck entsteht, professionelle Hilfe zu suchen.


So sieht die Therapie aus

Psychologe Reid etwa empfiehlt seinen Patienten, ihre Gedanken, die sie zu dem riskanten Verhalten führen, genau zu erforschen und zu analysieren. „Wenn ein Patient sagt, er kann dem Drang nicht widerstehen, frage ich ihn, was er denkt, was denn passieren würde, wenn er dem Drang nicht nachgibt. Würde sein Penis abfallen? Ich versuche sie dazu zu bringen, die Angelegenheit realistischer zu betrachten“, so der Psychologe.

Laut Reid sind Einzel- und Gruppentherapie sinnvoll, aber auch Selbsthilfegruppen und ein Plan für den Notfall sind wichtig. Man sollte wissen, wen man anrufen kann, wenn es wieder besonders schlimm wird. Man sollte Leidensgenossen kennen, um sich nicht allein zu fühlen, und damit die Schamgefühle nicht dazu führen, dass man glaubt, schlecht oder falsch zu sein. Man sollte wissen, was man tun kann, um keine Angst vor den eigenen Gefühlen zu haben. Man sollte eine Strategie haben, wie man sich um seine Gefühle kümmern kann. Ein Netzwerk an Menschen, die die Probleme kennen, einen verstehen und unterstützen, kann helfen, den Leidensdruck zu mindern und auch den „Suchtdruck“, zu verringern, berichtet der Experte.

„Besonders erfolgversprechend ist in solchen Fällen ist eine Gesprächstherapie unter Einbeziehung der Partnerin, wobei solche Therapien Experten vorbehalten bleiben sollten“, empfiehlt Dr. Pfau.

Aber auch Medikamente, die gegen andere Zwangsstörungen eingesetzt werden, können die Impulskontrolle verstärken und den Druck erträglicher machen, damit der Betroffene dem Drang besser widerstehen kann. Mit jeder solchen positiven Erfahrung steigt das Selbstvertrauen, und langsam aber sicher kann der Betroffene die Kontrolle über seine kompulsiven Handlungen und damit über sein Leben wieder erlangen. Die medikamentöse Behandlung kann und sollte in vielen Fällen von Psychotherapien begleitet werden. Aber mit oder ohne psychologische Unterstützung, das persönliche Hilfsnetzwerk sollte auf jeden Fall stehen und genutzt werden.

 

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