Sex
Geändert am: 20. Oktober 2014

Der Sex verschwindet – na und?

Written by  menscore, Published in Sex
 
Junges Pärchen im Bett, beide mit ihren Handys beschäftigt © George Dolgikh - Fotolia.com

Warum wir es immer seltener tun - und warum das nicht so schlimm ist" - Der Wissenschafts- journalist Jörg Zittlau plädiert in seinem neuen Buch auf eine heitere Sicht auf eine Lust, die gerne so tut, als sei sie das Wichtigste auf der Welt. Hier das Vorwort aus dem amüsanten Buch, in dem auch viel Weisheit steckt. 

Klar, Sex macht Spaß. Zumindest manchmal, und eigentlich kann er nur Spaß machen, wenn er manchmal geschieht. Das ist wie bei Erdbeerkuchen: Hin und wieder ist er ein Genuss, gäbe es ihn dagegen täglich, würde ihn niemand mehr wollen. Und genau das ist das Problem mit dem Sex. Denn der ist mittlerweile in unserem aufgeklärten Zeitalter immer und überall, man begegnet ihm viel häufiger als Erdbeerkuchen.

Im Internet flimmern 30.000 Pornofilme pro Sekunde, und über 400 Millionen einschlägige Webseiten liefern dort alles, was das sexbesessene Herz begehrt. In der Talkshow erzählt Gerda aus Quakenbrück, dass sie es liebt, wenn ihr Freund sie mit seiner Zunge verwöhnt, und Telefondienstleister locken mit Annoncen für den „kleinen sexuellen Hunger zwischendurch“. Auf der Homepage www.fraumacht-karriere.com kann man sich in die „Regeln für den professionellen Flirt im Büro“ und bei Men’s health in erfolgreiche Anbaggerstrategien einweisen lassen: „So kriegen Sie jede ins Bett!“. Selbst Heino erzählt der Bild-Zeitung, dass er beim Sex mit Hannelore die Brille abnimmt. Zu viel? Eindeutig zu viel. Die Lust bleibt dabei auf der Strecke.

Wissenschaftler ermittelten: Hatten 18- bis 30-Jährige hierzulande vor 30 Jahren noch 22 bis 28 Mal Sex im Monat, sind es heute gerade noch vier bis zehn Mal, und die 41- bis 50-Jährigen bringen es gerade noch auf zwei bis drei Intimkontakte pro Monat – und diese Angaben dürften von den Befragten noch deutlich geschönt sein. 40 Prozent aller Frauen in Deutschland naschen lieber jeden zweiten Tag an ihrer Schokolade, anstatt sich beim Koitus abzuschwitzen.

In einer Umfrage mit 600 jugendlichen Handybesitzern gaben 60 Prozent zu, dass sie eine Woche lang eher auf Sex als auf ihr Mobiltelefon verzichten könnten. Fazit: Wir dürfen der Lust mehr Lauf lassen als jemals zuvor – doch sie nutzt diese Freiheit, um uns zu verlassen.

Jetzt könnte man natürlich ein Ratgeberbuch darüber schreiben, wie man trotz dieser widrigen Umstände den Sex-Motor wieder ans Laufen bekommt. Beispielsweise durch Yoga, Tantra oder Qigong, um den Körper neu zu entdecken, obwohl er im Laufe der Jahre einen Zustand angenommen hat, den man lieber nicht mehr entdecken sollte. Oder durch Kamasutra und ähnliche Techniken der Beischlafgymnastik, die das paarungswillige Duo unmittelbar erkennen lassen, dass sein Sexproblem wirklich nichts ist gegenüber den Schmerzen, die von Sehnen, Muskeln und Gelenken ausgehen können. Oder durch Viagra, Cialis, Yohimberinde, Saugglocken und andere Potenzhilfen, die dafür sorgen, dass der Mann wieder kann, obwohl seine Frau schon lange nicht mehr will. Es gibt Sexual- und Paartherapeuten, die ihren Klienten raten, sich im Hotel wie Fremde miteinander zu verabreden, was oft zur Folge hat, dass sie sich danach wirklich fremd sind.

Der neueste therapeutische Clou ist das Beischlaf-Beiwohnen: Der Behandler ist direkt als Zuschauer vor Ort, wenn das Paar zur Sache kommt, und er gibt Tipps, wie es die Sache anständig zu Ende bringen kann. Viele der männlichen Protagonisten halten diesen Sex-TÜV nur aus, indem sie vorher eine Wochenpackung Viagra schlucken – aber dafür hat der Therapeut endlich wieder eine Erektion, ohne vorher Viagra geschluckt zu haben.

All diese Ratgeberattitüden werden Sie in diesem Buch nicht finden. Es gibt hier keine Vorschläge für das Wiederbeleben eines entschlafenen Sexuallebens. Hier werden Sie vielmehr eine ganz andere Strategie finden. Nämlich die Strategie des "Endlich-haben-wir-Zeit-für-Besseres-als-Sex"!

Ausgangspunkt ist die Frage, warum wir eigentlich darüber jammern, dass wir immer mehr zu asexuellen Wesen werden! Denn was geht uns dabei wirklich verloren? Etwa ein Spaßfaktor? Wenn man die aktuellen Umfragen und Quoten zu Sexualstörungen betrachtet, scheint der kaum noch eine Rolle zu spielen. Ganz zu schweigen davon, dass die Gesamtzeit aller Orgasmen eines Menschenlebens gerade mal fünf Stunden ausmacht, was vor dem Hintergrund einer Lebenserwartung von mittlerweile über 80 Jahren geradezu lächerlich ist. Und für die Fortpflanzung des Menschen ist Sex ohnehin entbehrlich geworden, denn Samenbanken und In-vitro-Befruchtungen sind im Hinblick auf die Nachwuchsplanung wesentlich berechenbarer als der Gefühlsrausch beim Geschlechtsakt.  


Wissenschaftler behaupten gerne, dass der Sex für ein höheres Lebewesen wie den Menschen nötig ist, damit sich sein Immunsystem von einer Generation zur nächsten besser an die Umwelt anpassen kann. Der Haken: Die entscheidende Wahrnehmung dabei ist der Geruchssinn. Wenn wir einen anderen Menschen gut riechen können, dann ergänzen sich unsere Immunsysteme. Doch welche Rolle spielt der Geruch noch bei der Partnerwahl, wenn wir allerorten mit Gestank zugemüllt werden und sich jeder von uns mittels unzähliger Kosmetik- und parfümierter Reinigungsprodukte in ein multiples Odormonster verwandelt? Die Antwort: keine. Auch immunbiologisch ist Sex schlichtweg überflüssig geworden.

Warum also jammern?

Gehen wir besser einen anderen Weg. Akzeptieren wir doch einfach, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn der Sex langsam bedeutungslos wird. Denn das bedeutet für uns einen Riesenschritt in Richtung Selbstbestimmung. Nicht umsonst sagte Andy Warhol: „Wahre Freiheit gibt es erst, wenn man mit dem Sex durch ist.“ Und er befindet sich da in bester philosophischer Tradition, von Buddha über Platon bis zu Schopenhauer.

Das Entsexen würde die Welt sogar um einen entscheidenden Schritt friedlicher machen. Denn Psychologen betonen immer wieder, dass Aggressionen und Gewalt oft durch Imponiergehabe und Konkurrenzkämpfe sowie Frust und Unterdrückung im sexuellen Bereich ausgelöst würden. Ohne sie wären Männer und Frauen viel umgänglicher, es gäbe weniger Kriege, Autobahnraser, Fanatiker und Faschisten, die ihren sexuellen Frust ablassen müssen. Kurz: no love, no war.

Dies zeigt sich auch darin, dass der Sex für die Stabilität einer Ehe viel unbedeutender ist, als vielfach behauptet wird. Entsprechende Umfragen verweisen vielmehr darauf, dass in funktionierenden Partnerschaften besonders viel geredet, auf ähnliche Weise erlebt und gegenseitig toleriert wird, während der Sex von Jahr zu Jahr deutlich nachlässt und mitunter auch komplett versiegt. Das Geheimnis einer Langzeitehe besteht nicht darin, dass die Protagonisten immer noch wollüstig übereinander herfallen, sondern darin, dass sie einen gemeinsamen Nenner gefunden haben und Konflikte so regeln, dass sie eben das nicht tun.

Es gibt also keinen Grund, den Verlust des Sexus als Super-GAU für die Menschheit zu beklagen. Er ist noch nicht einmal ein Kollateralschaden. Trotzdem soll dieses Buch nicht das Sprachrohr einer neuen Askesebewegung sein. Denn Enthaltsamkeit bereitet letzten Endes genauso wenig Spaß wie unerfüllter Sex. Es ist kein Fortschritt, wenn man den Frust mit der Lust durch die Lust am Frust ersetzt.

Da ist es schon weitaus erfüllender, wenn wir den Sex entspannt und realistisch als das sehen, was er wirklich ist. Nämlich als eine Lust, die zwar gerne so tut, als drehe sich alles nur um sie, die in Wahrheit aber nur eine von vielen Lüsten ist, die wir nicht unmittelbar zum Überleben brauchen. Wenn wir dann noch ehrlich unser Bedürfnisprofil analysieren, wird sich schon bald ein weiterer Aha-Effekt einstellen. Dass uns nämlich möglicherweise Gespräche, Verständnis, Respekt, Privatsphäre oder sinnvolle Arbeit wichtiger sind als Sex. Die Bedürfnispyramide ist bei jedem Menschen anders, und es ist kein Beinbruch, wenn der Sex darin weit nach hinten rückt. Wir werden dadurch nicht etwa zum geschlechtslosen Wesen, das nur noch Mitleid verdient, sondern zu einem interessanten und selbstständigen Menschen, der noch viel mehr ist als nur sexuell – und gerade dadurch ein entspanntes Verhältnis zu seiner Sexualität entwickelt. So entspannt, dass ihm schließlich wieder Spaß am Sex geschenkt wird. Vielleicht sogar mehr Spaß als bei Schokolade oder Erdbeerkuchen. Und mehr Glück geht nun wirklich nicht!

Unser Lesetipp:

Jörg Zittlau

Wer braucht denn noch Sex?

Warum wir es immer seltener tun - und warum das nicht so schlimm ist

Gebundenes Buch, Pappband, 160 Seiten, 12,5 x 20,0 cm

ISBN: 978-3-579-07062-9

€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 21,90* (* empf. VK-Preis)

Verlag: Gütersloher Verlagshaus


 

Interview mit dem Autor

Herr Zittlau, in Ihrem Buch sagen Sie, dass der Sex in Deutschland und anderen Industrieländern immer mehr ausstirbt. Wie kann das sein, wo doch allein im Internet ein Drittel des Datenverkehrs mit Sex zu tun hat und man sich mittlerweile sogar einen Sex-Trainer für zuhause heuern kann?


Das ist ja gerade das Problem. Dadurch, dass wir ständig mit sexuellen Inhalten vollgedröhnt werden, hat sich ein Gewöhnungseffekt eingestellt, so dass wir sexuell abgestumpft sind. Das ist so wie beim Erdbeerkuchen: Der schmeckt ja auch nicht mehr, wenn man ihn täglich auf dem Tisch hat. Hatten 18- bis 30jährige hierzulande vor 30 Jahren noch 22- bis 28 Mal Sex im Monat, sind es heute gerade noch vier- bis zehn Mal, und die 41- bis 50jährgien bringen es gerade noch auf zwei bis drei Intimkontakte pro Monat. Teenager gaben in einer Umfrage sogar zu, dass sie auf einer einsamen Insel eher auf den Sex als auf ihr Smartphone verzichten könnten.

Wird bei solchen Umfragen nicht auch fleißig gelogen?


Natürlich wird da gelogen. Aber der Lügenfaktor ist ja zu allen Zeiten gleich. Wenn also die Leute früher eine höhere Sexfrequenz bezifferten als heute, kann man daraus durchaus einen Trend ablesen – und der geht eindeutig nach unten.

Jetzt sagen Sie aber, dass wir das gar nicht so eng sehen sollten. Wir sollten Ihrer Meinung den Einstieg ins sexfreie Zeitalter sogar genießen. Warum? Sex macht doch Spaß, oder?


Tut er das? Fakt ist: Er kann Spaß machen, muss aber nicht. Und in einem von der Befreiungsbewegung der späten 1960er geprägten Zeitalter macht er weniger Spaß denn je, weil die Leute immer mehr von ihm erwarten. Immer mehr und immer tollere Orgasmen, immer längeres Vorspiel, totale Euphorie,  und möglichst alle sollen noch dabei zu allen Zeiten Spaß haben, was physiologisch überhaupt nicht funktionieren kann. Dadurch entsteht ein Druck, der den Leistungs- und Prüfungsstress in die Schlafzimmer gebracht hat. Müssen wir das wirklich noch länger haben? Das Leben ist doch schon so hart genug.

Aber bedeutet der Abschied vom Sex nicht zwangsläufig, dass wir aussterben?


Überhaupt nicht. Mittlerweile gibt es zahlreiche Verfahren, die eine Fortpflanzung unabhängig vom Sex gewähren, und sie werden auch immer preiswerter.

Es wäre also Ihrer Meinung überhaupt nicht schlimm, wenn der Sex verschwände. Sind Sie der Guru einer neuen Enthaltsamkeit?


Nein, bestimmt nicht. Ich plädiere bloß dafür, den Sex dort einzuordnen, wo er hingehört. Nämlich als ein Bedürfnis, das zwar unendlich bedeutsam und dringlich daher kommt, aber tatsächlich nicht wichtiger ist als alle anderen Bedürfnisse. Wir sollten niemandem einen Vorwurf machen, der lieber ein Buch liest, ein gutes Essen kocht oder am Computer sitzt. Er ist nicht etwa abartig, sondern hat sich eben dafür entscheiden, andere Dinge für wichtiger einzuschätzen als den Sex. Darin steckt auch viel Selbstentfaltung. Denn wie sagte Andy Warhol so schön: „Wahre Freiheit gibt es erst, wenn man mit dem Sex durch ist.“

 

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