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01. Februar 2015

Der Mann, das unverstandene Wesen.

Written by  K.J. Schindler, Published in Blog
 
Der Mann, das unverstandene Wesen. © theartofphoto - Fotolia.com

Wenn es irgendwo auf der Welt eine Existenzform geben sollte, die völlig zu recht allerseits aufrichtiges Mitgefühl verdient, dann ist es der Mann. Einleuchtender wurde das noch nie beschrieben – von unserem Gastautor Karl Johannes Schindler. 



Gelegentlich möchten auch Männer einfach mal reden. Zum Beispiel über ihre geliebte Hinwendung zum Bier. Oder zum Schnaps. Doch die ernsthaften Gesprächspartner sind in diesen Dingen rar, und Monologe sollen es ja nach Möglichkeit nicht werden. Die führen sie oft genug.

Abstinenzler scheiden als Ansprechpartner schon mal aus. Sie mögen keinen Alkohol. Insofern ist eine vernünftige Debatte über das Trinken mit ihnen von vornherein ziemlich unsinnig. Komischerweise sind es aber immer wieder gerade Alkoholverächter, die sich über Genießer beruhigender Braukunst und unterstützender Destillate fortwährend mokieren. Man kann sie auf Grund dieser Absurdität nicht ernst nehmen.

Ärzte, Psychologen, Suchtberater? Die dürfen dem hilfesuchenden Mann meist als weit voraus bezeichnet werden, dies allerdings in der Regel lediglich auf dem Weg zum Alkoholiker. Danke, dann schon lieber Selbstgespräche.

Mit Frauen ist das ebenfalls kompliziert. Von denen erfährt er spätestens nach dem zehnten Bier auch nur Kritik. Selbst, wenn das nun durchaus eher verständlich ist, denn Frauen wollen in dieser Disziplin mithalten, können aber nicht. Ihr Organismus, ihre gesamte alkoholverarbeitende Grundkonstruktion, ist dezenter angelegt, zurückhaltender. Sie fallen auf halber Strecke um, und dann kommt der Neid ins Spiel - eine per se schlechte Angewohnheit, die sie ihrerseits zu allem Übel häufig mit lauten Beschimpfungen gegen den Mann zu tarnen versuchen. Das ist nicht schön.

Allein, es war und ist so vieles nicht schön im Leben eines Mannes. Die doofen, gefährlichen Sachen musste immer schon er erledigen. Kriegerische Auseinandersetzungen oder Krokodile. Und explodierte Atomkraftwerke zumauern. Wie gern wäre er mal Frau und könnte ein wenig verharren, ausruhen vom Starksein. Manchmal wird er sogar Frau, aber dann ist das irgendwie trotzdem anders und chirurgisch außerdem einigermaßen zu spät.

Er steckt sowieso in der Falle, der Mann. Ständig soll er charakterlich verändert werden, und wenn er sich darauf einlässt, reicht seine Frau darob entsetzt die Scheidung ein. Da kann er auch gleich bleiben, wie er in Wahrheit ist. Das gefällt dann natürlich auch wieder nicht allen, und weil er das Ganze nüchtern nicht erträgt, huldigt er in hoher Not und tiefem Glück eben dem geistigen Beistand.

Geistig, nicht geistlich. Die Geistlichen haben ihm dann stets gerade noch gefehlt, wenn sie in Singetrupps an seiner Wohnung klingeln, um auf der Gitarre von Jericho den Marsch wider alles Geistige und Fleischliche anzuzetteln. Unglücklicherweise stößt er auch bei denen, die es tatsächlich wissen müssten, auf Abneigung mit seinem sofortigen herzlichen Appell: „Sehet, nachdem der Apfel vom Baume auf die Wiese fällt, schenkt er uns unverzüglich die alkoholische Gärung, damit wir uns an ihm berauschen und seiner nicht nur als Instrument des Verderbens im Garten Eden gedenken! Gehet hin und schmecket die Botschaft, hier namentlich den Obstler!“

Mit etwas Glück bekommt er keinen Stapel Wachttürme gegen den Kopf, woanders eben kein Nudelholz und ganz allgemein kein anderweitig schmerzhaftes Unverständnis. Und nur die gänzlich Weltfremden wundern sich, dass er daraufhin erst mal einen trinken geht.

So ist das nämlich. 

 
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